Leser-Biografie Saoirse Muirgen (Sam)

Leser-Biografie Saoirse Muirgen (Sam)

Mein Leben verlief recht geradlinig. Mancher würde sagen, dass es langweilig war. Doch was unter der Oberfläche lag, wollte oder konnte kein Außenstehender sehen. Ich bin im Sommer 1958 als Jüngstes zweier Kinder geboren. Mein Vater war Ingenieur für Forschung und Entwicklung der Schifffahrts- und Schiffbautechnik auf der Volkswerft in Stralsund. Meine Mutter führte den Haushalt und kümmerte sich um uns Kinder, während mein Vater die meiste Zeit mit Arbeit verbrachte.

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Er war auch ständig auf Weiterbildung – zuletzt hatte er sieben Berufe, um seine Kenntnisse zu erweitern und seiner Arbeit in der Forschung gerecht zu werden. Ich will mich nicht beklagen. Mein Vater liebte uns Kinder sehr, er war nur äußerst engagiert. Auch meine Mutter bildete sich in der Abendschule weiter. Im Sommer ging es auf unser kleines Segelboot, Familienzeit. Diese Zeit habe ich als Kind geliebt. Da startete ich auch meine ersten Malversuche.

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Als mein Vater starb, war ich gerade einmal 10 Jahre alt, mein Bruder 14. Jetzt war meine Mutter, wie man sagte, „alleinerziehend“. Sie übernahm die Herstellung von Widerständen „für den Korrosionsschutz sowie gegen Muschelbefall“ bei großen Schiffen in Heimarbeit, eines der Patente meines Vaters, um uns versorgen zu können.

Ich sehe sie in Gedanken noch so manches Mal, wie sie in der kleinen Arbeitskammer unserer Wohnung bohrte, lötete, mit Schellack arbeitete, Strommessung machte u. ä. Damit sie uns am Tage viel Zeit widmen konnte, hat sie so manche Nacht lange gearbeitet.

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Das Boot musste verkauft werden, da meine Mutter keinen Segelschein hatte und wir noch zu jung dafür waren. Ein befreundetes Seglerehepaar nahm uns aber jedes Jahr zum Segeln mit. Die Freundschaft mit ihnen blieb bis zu ihrem Tod erhalten.

Trotz aller Hindernisse sorgte meine Mutter dafür, dass wir uns frei entwickeln konnten.

Ich schloss mich dem damaligen Jugendklub an, in dem ich nicht nur später zur Disco ging, sondern auch Auftritte vor allem als Sängerin hatte. Ich nahm Gesangsunterricht beim Tenor des Stadttheaters sowie Tanzunterricht für Standarttänze und Bewegungsunterricht, welcher vorwiegend aus „Ballettelementen“ bestand.

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Dazu kam die Bandprobe einmal pro Woche. Nicht zu vergessen die üblichen Pioniernachmittage und später die Veranstaltungen für FDJ-ler. Dazu gab ich Nachhilfestunden für meine Mitschüler. In freien Stunden malte oder las ich. Alles in allem war meine Woche voll ausgebucht. Das enthob mich natürlich nicht von meinen Verpflichtungen im Haushalt.

Schließlich konnte meine Mutter nicht alles allein machen. Ich habe eine Menge von ihr gelernt. Haushaltsführung, Kochen und Nähen waren so einige Dinge, die nicht jeder in meinem Alter konnte. Das ich einen super Abschluss der 8. Klasse machte und mich für das Gymnasium qualifizierte, verdankte ich nicht nur meiner Intelligenz, wie meine Mutter sagte, sondern auch meinem Lerneifer auf schulischem Gebiet.

Mit Vierzehn lernte ich Motorrad fahren, was mir eine neue Welt erschloss. Mit den Maschinen fuhren wir im Gelände – durch Wald und Feld, durch Sand und Morast. Motorcross! Ich fand es Spitze. Meiner Mutter brachte es wahrscheinlich die ersten grauen Haare, aber sie hat sich nie beklagt.

Ich hatte mich recht schnell für eine Laufbahn als Lehrerin entschieden. Mir machte das Vermitteln von Wissen viel Spaß. Und ich wollte gern mit jungen Menschen arbeiten. Die Wahl der Fächer war fast zufällig – Musik und Zeichen als meine „kleinen Hobbys“ und Ausgleich. Mathematik- und Physiklehrer wurde damals benötigt und ich fand beide Fächer toll.

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Übrigens war es mein Lehrer für Kunsterziehung in der Oberstufe, der mir den Tipp gab, mit Ölfarben zu malen. Er vermittelte mir auch die Grundkenntnisse der Ölmaltechnik.

So nahm ich nach dem Abitur ein Studium in Greifwald als eine der ersten Physik-Lehrer-Studenten dort auf. Das machte mein Studium nicht unbedingt einfacher, aber interessanter. Von keinen anderen Lehrerstudenten habe ich gehört, dass man so viel Praxis in den Schulen hatte wie wir oder sogar schon während des Studiums Vertretungsunterricht gab.

1980 heiratete ich meinen Mann, mit dem ich noch heute glücklich zusammen bin. Ich wurde damit Mitglied einer Großfamilie, die trotz räumlicher Trennung liebevoll verbunden ist.

Das letzte Studienjahr schloss ich aufgrund meiner Schwangerschaft etwas früher ab. Als Diplomfachlehrerin für Physik und Mathematik schickte man mich nach Berlin in den Prenzlauer Berg, um dort zu unterrichten. Ende 1981 kam mein „kleiner Sonnenschein“, mein Sohn zur Welt.

Wenn man denkt, man kann außer Lehrerin, Mutter und Hausfrau auch noch groß seinen Hobbys nachgehen, dann täuscht man sich. Zumal ich die ersten vier Jahre in Berlin so gut wie alleinerziehend war. Jetzt studierte mein Mann. Das Malen war mehr für meinen Sohn vorgesehen.

Im Sommer 1985 wurde unsere „Prinzessin“ geboren. Damit war unsere kleine Familie komplett. Mein Mann war wieder zu Hause. Wir konnten mit vereinten Kräften unsere kleine Welt bewältigen.

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Bis 14 Uhr Unterricht, dann Arbeitsgemeinschaft und Klassenleitertätigkeit z.B. Veranstaltungen mit den Schülern, Elternbesuche, Versammlungen u. ä., dann Familie, am Abend Stundenvorbereitung und danach 4-5 Stunden Schlaf – ein ganz normaler Alltag. In den Ferien war für die Lehrer stets Weiterbildung angesagt.

Trotzdem hatte ich am Nachmittag mehr Zeit als andere Eltern, welche beide arbeiteten. So kam es, dass sich bei uns die Freunde und Freundinnen meiner Kinder bald wie zu Hause fühlten. „action pur“ – würden die Kinder heute sagen. Anstrengend, aber auch sehr schön für alle Beteiligten.

Im Herbst 1987 hatten wir dann das Glück, ein Stück Land für ein Wochenendgrundstück pachten zu können. Damit verbrachten wir die Wochenenden und Ferien vor allem dort. Wir bauten einen Bungalow und machten die Erde urbar, um Gemüse und Obst anbauen zu können. Das war nicht ganz so einfach, da das Land ein ehemaliges Bahngrundstück war und damit viele Überraschungen wie Schotter, Geschirrscherben etc. beherbergte.

Doch es gab für die Kinder viel Platz zum Spielen und relativ schnell einen Pool, um zu baden. Kein Drängeln am Strand, kein Ermahnen Fremde zu belästigen oder mit ihnen mitzugehen usw. Die Kinder hatten die Möglichkeit, sich dort richtig im Grünen auszutoben, Baumhäuser zu bauen, Fahrrad zu fahren, mit anderen durch die Gegend zu streifen. Die frische Luft tat uns allen gut, da wir uns sonst zumeist in geschlossenen Räumen aufhielten. Die spätere Gartenkolonie wurde zu einer kleinen Oase der Erholung, auch wenn ich oftmals Arbeiten oder Versuchsprotokolle zur Überprüfung oder Zensierung, mitnahm.

Mit der Wende brach Chaos in der Bildung aus. Die Lehrer wurden „umgesetzt“, dass hieß nichts anderes, als das die eingespielten Teams auf- und umverteilt wurden. Ein Teil der Lehrer/innen wurde entlassen. Oook.

Dann gestaltete man die Lehrpläne „um“. Für Physik und Mathematik hieß das, dass logische Abfolgen aufgebrochen und neu zusammengestellt wurden. Da das alles nicht so klappte – oh, welche Überraschung – gab es dann Übergangslehrpläne und „neue“ Lehrpläne in kürzester Reihenfolge. So war man als Lehrer/in ständig beschäftigt, sinnvolle Übergänge zu finden, damit wir den Kindern den Inhalt der Lehrpläne vermitteln konnten. Dazu kam die immer größere „Eigenverantwortung“ der Schulen. Und wie sollte es auch anders sein, die Schülerzahlen pro Klasse wurden erhöht, weil Lehrer fehlten und die geburtenstarken Jahrgänge folgten.

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Aufgrund des Lehrermangels fehlten für einige Fächer Lehrer, so dass „Neigungsfächer“ eingeführt wurden, d. h. Lehrer/innen begaben sich in Weiterbildung, um fachfremde Fächer zu unterrichten. Ich entschied mich für WPU Musik-Bewegung und Musik. Auch die Pflichtstunden der Lehrer/innen wurden erhöht … Die Zeit, die man in der Schule verbrachte, wurde immer länger.

Die Ferien waren mit Weiterbildungen gespickt und da das Angebot für die „richtige“ Weiterbildung nicht groß genug war, bildete sich fast jeder noch persönlich weiter, um mitzuhalten. Vergessen wir nicht, dass in dieser Zeit auch die Computer dazukamen, wovon viele meines Jahrgangs maximal die binäre Variante kannten. Also schnell mit den Kindern mitlernen!

Aus meiner Kurzfassung für diesen Abschnitt kann jeder bestimmt den allgemeinen Frust heraushören, der bei den Lehrern/innen herrschte. Immer mehr bekam man zu hören, dass allein wir Schuld hätten, wenn Schüler/innen unaufmerksam oder frech waren oder am Schuljahresende versagten. Viele Eltern „verlegten“ die Erziehung ganz in die Schule. Keine schöne Angelegenheit!

Trotz der zusätzlichen Arbeit, machte mir meine Arbeit mit Kindern viel Spaß. Jeder Tag war ein „neues Abenteuer“. Für die unter meiner Obhut Stehenden war mir meine Zeit nicht schade. Und meine Kinder? Sie verbrachten viel Freizeit mit meinen Schülern/innen. Mein Mann war glücklicherweise sehr verständnisvoll und brachte sich u. a. viel in den Haushalt mit ein.

Zum 50. Geburtstag meines Bruders schenkte ich ihm das erste große Ölbild (70×90 cm), was ich bis dahin gemalt habe. Die Vorbereitungen dafür zogen sich über zwei Jahre hin. Danach lösten größere Formate meine bis dahin maximal DIN A4-großen ab.

Meine schönsten Jahre als Lehrerin erlebte ich von 2004 bis 2017 an einem Gymnasium in Reinickendorf. Dort unterrichtete ich vorwiegend Physik in der gymnasialen Oberstufe, aber auch Astronomie und Mathematik. Ich war von tollen Kollegen umgeben, die Hand in Hand tätig waren, die Schulleitung arbeitete mit uns zusammen und meine Schüler/innen waren „normal“. In dieser Zeit wurde ich gefordert und bin an meinen Aufgaben gewachsen.

Der Tod schlich sich in unsere Familie. Meine Schwiegereltern verstarben 2006, der langjährige Lebensgefährte meiner Mutter, der Opa meiner Kinder, und 2017 auch meine Mutter. Der Tod meiner Mutter traf mich besonders tief, da wir immer ein ganz ausgesprochen enges Verhältnis hatten.

Leider kamen mit den Jahren bei mir schwerwiegende gesundheitliche Probleme, aufgrund derer ich im Jahr 2019 aus dem Schuldienst ausschied.

Wenn man viele Jahre vorwiegend „für die Arbeit“ gelebt hat, ist es nicht einfach, in den Ruhestand zu gehen. Man muss das regelrecht lernen. Zum Glück habe ich meinen Mann, meine Kinder und zwei süße Enkelkinder. Sie unterstützten mich liebevoll bei diesem Lernvorgang.

Jetzt ist Zeit für meine Hobbys. Ich male das, was ich schon ewig als Malvorlage liegen hatte und auch Neues. Ich nähe vor allem für meine Enkel und mich. Und solange wir beide es gesundheitlich und finanziell können, werden mein Mann und ich noch ein wenig „die Welt erkunden“. Aber allen voran kommt die Familie – gerade in der Corona – Zeit ist es wichtig, zusammenzuhalten.

Bilder:

  1. Zaunkönig auf Holz ca.2013
  2. Dreimaster WZ
  3. Brandung 2020
  4. Lila Akelei
  5. Schottische Burg
  6. Seerose

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Hier schreiben die beiden Künstler und Maler RZA & Feryal, alias Christian Gülcan und Ferya Gülcan. Beide Baujahr 1974, mit teilweise unterschiedlichen Einstieg (Grafitti, Zeichnen & Design) in die Acrylmalerei und Ölmalerei. Wir sind Markeninhaber der Kunstschmiede kooZal und malen hauptsächlich moderne und abstrakte Acrylbilder und Ölbilder im Großformat.

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