Ölmalerei mal anders – Malen nach Musik

Ölmalerei mal anders: Malen nach Musik

Viele möchten am liebsten perfekte Bilder malen. Bei den Betrachtern soll das Bild auf Begeisterung stoßen, sie sollen von dem Gemälde beeindruckt sein und das Motiv, die Farbzusammenstellung, die handwerkliche Ausführung und die Gesamtwirkung loben.

Ölmalerei mal anders Malen nach Musik

Der Künstler wiederum möchte mit seinem Werk rundum zufrieden sein und es voller Stolz präsentieren können. In der Kunst gibt es zwar kein richtig oder falsch, aber trotzdem hat jeder sein eigenes Empfinden.

Jeder setzt seine eigenen Maßstäbe an und entscheidet auf dieser Grundlage, ob er ein Ölbild stimmig und gelungen findet oder eben ob nicht.

Vor diesem Hintergrund kann es eine überaus interessante Erfahrung sein, sich von diesem Perfektionsdenken zu lösen. Das Schlüsselwort hierbei heißt freies Malen. Beim freien Malen geht es nicht darum, möglichst perfekte Bilder zu schaffen.

Stattdessen steht im Vordergrund, sich auf einen Malprozess einzulassen, der von den eigenen Ideen, individuellen Empfindungen und der Stimmung im Moment des Malens getragen wird.

Malen nach Musik

Vermutlich jeder Hobby-Künstler kennt folgendes Szenario: Er hat ein Motiv gefunden, das er nun in Öl verewigen möchte. Die Hauptelemente des Motivs sind schnell vorgezeichnet, dann wird der Hintergrund angelegt und schließlich geht es ans Ausmalen und Ausgestalten. Aber manchmal scheint irgendwie der Wurm drin zu sein.

Die Vorzeichnung will nicht richtig gelingen, die Proportionen scheinen nicht zu stimmen, der gewünschte Farbton lässt sich nicht treffen und der Pinsel scheint zu machen, was er will.

Also wird korrigiert, verglichen, weitergemalt, wieder verglichen, erneut korrigiert und immer so weiter.

Manchmal klappt es und am Ende entsteht doch noch das gewünschte Bild. Oft verkrampft der Maler aber immer mehr und statt Freude und Spaß stellen sich Unzufriedenheit und Frust ein.

Ein sehr spannendes Experiment, bei dem Ölbilder in einem völlig anderen, neuen Stil entstehen können, kann darin bestehen, nach Musik zu malen.

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Dieses Malen nach Musik funktioniert wie folgt (Anleitung):

·         Zuerst werden alle benötigten Materialien zusammengestellt. Dies sind zum einen Ölfarben und eher dicke Pinsel, alternativ kann auch mit Ölkreiden gearbeitet werden. Da häufig mehrere Versuche unternommen und verschiedene Bilder gemalt werden, ist Malkarton besser geeignet und vor allem kostengünstiger als Leinwand.

Zum anderen werden mehrere Musik-CDs zurechtgelegt. Idealerweise sollten es mindestens fünf CDs mit Musik in unterschiedlichen Richtungen sein.

·         Nun werden die CDs wie Spielkarten gemischt. Ohne hinzusehen, wird dann eine CD ausgewählt, eingelegt und gestartet.

·         Ohne lange zu überlegen oder sich großartig Gedanken über das fertige Bild zu machen, wird nun einfach losgemalt. Der Hobby-Künstler hört also auf die Musik, lässt sich davon inspirieren, nimmt mit seinem Pinsel Farbe auf und gleitet damit, getragen vom Rhythmus und der Melodie, über den Malkarton.

Bei der Maltechnik, die hier zur Anwendung kommt, handelt es sich um die Alla-Prima-Technik. Wird weitere Farbe aufgebracht, wird es passieren, dass sich die einzelnen Farbtöne miteinander mischen.

Das macht aber nichts und der Maler sollte auch nicht darüber nachdenken, welche Mischtöne entstehen könnten.

Entscheidend ist, dass er sich auf das Experiment einlässt und wirklich frei malt, um sich dann von dem fertigen Ergebnis ein Stück weit überraschen zu lassen.

·         Erscheint dem Maler ein Bild fertig oder kommt ihm eine andere Idee, nimmt er sich einfach einen neuen Malkarton. Die Malsitzung endet, wenn der Hobby-Künstler keine Lust mehr hat.

Dies kann schon nach den ersten ein, zwei Bildern, genauso aber auch erst nach mehreren Stunden der Fall sein.

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Die Analyse der Ölbilder

So mancher Maler wird erstaunt sein, wie viele Ölbilder er gemalt hat und wie unterschiedlich sie aussehen. Direkt nach dem Malen sollten die Bilder aber zunächst einmal zur Seite gelegt werden.Erst nach ein paar Tagen sollte sich der Hobby-Künstler dann mit seinen Werken beschäftigen.

Bei der Betrachtung der Ölbilder sollte er für sich beantworten,

·         was ihm an den Bildern besonders gut gefällt.

·         was ihm erstaunlich gut gelungen ist.

·         was ihn an den Bildern überrascht.

·         wo die größten Unterschiede zu seinen übrigen Bildern liegen.

·         welche Themen seine Bilder zum Ausdruck bringen und welches die dominanten Farben sind.

·         welche Erinnerungen die Bilder an den Malprozess hervorrufen und ob der Hobby-Künstler möglicherweise ganz neue Seiten an sich oder eine weitere Form der Kreativität entdeckt hat.

·         ob und wie er die Ölbilder verändern oder weiter ausarbeiten möchte.

Beim Malen steht dem kreativen Prozess oft der Wunsch im Weg, besonders gut zu malen. Im Hinterkopf sind diverse Malregeln und Anleitungen zur richtigen Vorgehensweise. Dazu mischen sich häufig Gedanken an den Alltag, die sich ein Stück weit in den Bildern widerspiegeln.

Gelingt es dem Maler, einmal komplett loszulassen und alles andere auszublenden, kommen mitunter Talente und kreative Ideen zum Vorschein, die mehr oder weniger abtrainiert wurden.

Durch das freie Malen kann es gelingen, das Vertrauen in die eigenen Stärken wiederzuerwecken. Davon abgesehen macht es aber schlichtweg unglaublich Spaß, einfach mal ganz unbeschwert draufloszumalen.

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Malen nach Musik: von der Playlist zur Pinselspur

Die passende Musik wählen – Tempo steuert den Duktus

Musik trägt die Hand. Schnelle Tempi und prägnante Beats laden zu kurzen, energischen Strichen ein; getragene Klänge zu weiten, weichen Bewegungen.

Achte auf drei Parameter:

  • Tempo (BPM): schnell = hakig/rauh, langsam = fließend/gebunden.
  • Dynamik (leise/laut): baut Spannung für Schichtdicke und Kontraste auf.
  • Textur (klar/gebrochen): bestimmt, ob du glatt ziehst (Lasur, weiche Übergänge) oder brichst (Trockenpinsel, Schabungen).

Mini-Mapping (Beispiel):

  • Ambient/Neo-Klassik: lange Bögen, Lasur-Übergänge, gedämpfte Palette (z. B. Ultramarin, Siena natur, Titanweiß).
  • Jazz/Impro: gebrochene Linien, Punkt-Akzente, Malmesser für spontane Kanten.
  • Techno/House: serielle Formen, Wiederholungsmuster, klare Wert-Kontraste (Hell/Dunkel).
  • Rock/Indie: Impasto-Akzente, sichtbare Pinselspur, kräftige Komplementäre.

Set-up: einfach, sicher, startklar

  • Malgrund: Malkarton oder grundierte Holzplatte (robust, kostengünstig).
  • Begrenzte Palette (4–5 Töne): Warm (z. B. Kadmiumrot hell, Ocker), Kalt (z. B. Ultramarin), Erdton (z. B. Umbra), Weiß. Begrenzung fördert Harmonie.
  • Werkzeuge: 2–3 breite Borstenpinsel, 1 weicher Flachpinsel für Übergänge, Malmesser fürs Setzen von rhythmischen „Schlägen“.
  • Medien: Wenn lösungsmittelfrei arbeiten soll: Leinöl/Alkyd-Medium in kleinen Dosen oder wasservermischbare Ölfarben/Ölkreiden. Gute Belüftung, saubere Lappen – fertig.
  • Zeit: Ein Track = ein Durchgang. Der Songrahmen verhindert Verkrampfung.

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Drei Übungen, die sofort funktionieren

  1. „Ein Track – ein Bild“
    Ein Song spielt, die Fläche bleibt eine Komposition. Wechsel die Richtung, wenn der Refrain kommt. Ende mit dem Fade-out.
  2. „Call & Response“
    Strophe: weiche Flächen, Refrain: harte Kanten mit dem Malmesser. Du antwortest der Musik sichtbar.
  3. „Stille als Kontrast“
    60 Sekunden ohne Musik: nur Werte (Hell/Dunkel) setzen. Dann Song an – Farbe darüberlegen. Das erdet das Bild.

Klang in Farbe übersetzen – ohne Hokuspokus

Du brauchst keine Synästhesie, um Musik sichtbar zu machen.

Hilfreich ist ein visuelles Vokabular:

  • Rhythmus → Wiederholung (Reihungen, Streifen, Tupfen).
  • Melodie → Linienführung (aufsteigend/fallend, legato/staccato).
  • Harmonie/Dissonanz → Farbbeziehungen (analog harmonisch vs. komplementär spannungsvoll).

Tipp: Lege dir 2–3 Formmotive zurecht (z. B. Bogen, Rechteck, Punkt). Wiederhole sie variierend „im Takt“.

Für Einsteiger vs. Fortgeschrittene

  • Einsteiger: Ölkreiden/Ölsticks auf Malkarton, kein Medium, Fokus auf große Formen, 1 Song = 1 Bild.
  • Fortgeschrittene: Impasto (dick pastos auftragen) für laute Passagen, Lasuren (dünn transparent) für leise Parts; Scumbling (trocken überreiben) für „raue“ Sounds.
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Auswertung mit System – nach ein paar Tagen

Lege die Serie weg und nutze dann diesen Einsehbogen:

  • Was trägt die Musik im Bild? (Formwiederholungen, Dynamikwechsel sichtbar?)
  • Wie stabil ist die Wertestruktur? (Lesbarkeit in Grau gedacht.)
  • Wo „klingt“ die Farbe? (Harmonien vs. kraftvolle Brüche.)
  • Welche Übung ergab die überzeugendsten Ergebnisse?

Markiere pro Bild drei Stärken (grün) und einen Ansatzpunkt (blau). Kuratiere 3–5 Arbeiten als Mikro-Serie. Titelidee: Songtitel – Tempo – Stimmung (z. B. „Nineteen Eighty-Five | 128 BPM | euphorisch“).

Weiterbearbeiten – falls gewünscht

Alla-Prima-Charakter wahren, aber behutsam veredeln:

  • Trockene Kante partiell stehen lassen, Akzente klar nachsetzen (Malmesser).
  • Lasur für Tiefe in ruhigen Bereichen.
  • Erst nach vollständiger Trocknung an Firnis denken.

In der Gruppe: Playlist-Session

  • Gemeinsame 30-Minuten-Playlist, jeder malt kleine Formate (z. B. A4-Malkarton).
  • Nach jedem Song Positionswechsel (Staffelmalen) – überraschende Kollaborationen.
  • Abschluss: Wandhängung in Song-Reihenfolge – der Raum „spielt“ die Musik visuell nach.

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FAQ – kurz & hilfreich

  • „Mir fällt nichts ein.“ Starte mit Werten (Grau/Weiß/Schwarz), dann Farbe aufsetzen.
  • „Farben werden matschig.“ Größere Pinsel, weniger Mischen, Farbe absetzen – in Ruhe lassen.
  • „Ich verliere mich in Details.“ Zeitlimit = Songlänge. Details nur im letzten Drittel.
  • „Welche Farben harmonieren schnell?“ Analog-Trios: Blau–Blaugrün–Grün oder Rot–Rotviolett–Violett.
  • „Kann ich übermalen?“ Ja – nach Trocknung Lasuren oder Scumbling für neue Rhythmen.
  • „Ohne Lösungsmittel?“ Wasservermischbare Öle oder Ölkreiden sind top für Sessions.

Checkliste für deine nächste Musik-Session

  • Playlist mit 3–5 Songs unterschiedlicher Dynamik
  • Malkarton, begrenzte Palette, 3 Pinsel + Malmesser
  • Ölkreiden/Ölfarben, kleines Medium (oder lösungsmittelfrei)
  • Ein Track = ein Bild – und Spaß am Experiment

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Hier schreiben die beiden Künstler und Maler RZA & Feryal, alias Christian Gülcan und Ferya Gülcan. Beide Baujahr 1974, mit teilweise unterschiedlichen Einstieg (Grafitti, Zeichnen & Design) in die Acrylmalerei und Ölmalerei. Wir sind Markeninhaber der Kunstschmiede kooZal und malen hauptsächlich moderne und abstrakte Acrylbilder und Ölbilder im Großformat, wenden aber auch andere Maltechniken und Farben an.

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