Was ist eigentlich abstrakte Kunst?

Was ist eigentlich abstrakte Kunst?

 

Die meisten verbinden Stillleben, Landschaften, Portraits oder Blumenbilder mit Ölgemälden. Eine Ansammlung geometrischer Formen oder Farbflächen, die letztlich als alles Mögliche interpretiert werden könnten, ist oft nicht unbedingt das, was viele unter einem echten, kunstvollen Ölbild verstehen.

Mitunter sind bei der Betrachtung solcher Gemälde dann Aussagen zu hören, wie dass dies eben moderne Malerei oder abstrakte Kunst sei.

 

Aber was ist eigentlich abstrakte Kunst?:

 

Abstrakte Malereien vor 1900

Das prägende Merkmal der abstrakten Kunst ist die Trennung zwischen bildnerischen Gestaltungsmitteln und einer realitätsnahen, naturgetreuen Darstellung. Die abstrakte Kunst möchte keine konkreten Gegenstände wiedergeben und verzichtet bewusst auf den Bezug zur Gegenständlichkeit.

Stattdessen arrangiert sie Formen, Farben, Linien und Flächen. Die Bildwirkung soll durch diese Kompositionen und die Bezüge oder Gegensätze innerhalb des Bildes entstehen. Dieser Ansatz ist ein klarer Bruch mit den Grundprinzipien der abendländischen Malerei, denn bis zum 20. Jahrhundert bildete der klare Bezug auf die Natur oder reale Gegenstände den grundlegenden Ausgangspunkt des künstlerischen Schaffens in allen Kunststilen. Zwar sind auch vor 1900 einige Gemälde und Grafiken ohne einen direkten Gegenstandbezug entstanden.

Beispiele dafür finden sich beispielsweise bei Victor Hugo, Gustave Moreau oder William Turner. Außerdem wurden oft Studien durchgeführt und Skizzen angefertigt, die die Basis für traditionelle Kunstwerke bildeten. Allerdings beschränkte sich das Experimentieren mit der Wirkung von Farben und Formen im Sinne der Abstraktion hauptsächlich auf die Arbeit im Atelier.

Insofern hat die abstrakte Kunst nicht die Abstraktion als solches erfunden, sondern sie vielmehr zu einer eigenständigen Kunstform erhoben. 

 

Die Abstrakte Kunst als eigenständiges Kunstgenre

Die Anfänge der abstrakten Kunst als eigenständige Kunstform liegen um das Jahr 1910. Ihre Entstehung wird als Weiterentwicklung und gleichzeitig notwendige Abgrenzung zu anderen Kunststilen innerhalb der Klassischen Moderne gesehen. So hatten Pablo Picasso, Henri Matisse und andere bedeutende Künstler der Klassischen Moderne die abstrakte Kunst zwar nie grundsätzlich abgelehnt, sie aber auch nie in letzter Konsequenz umgesetzt. Sie vertraten nämlich die Auffassung, dass die abstrakte Kunst die Abstraktion nur imitieren würde.

Erst Anfang des 20. Jahrhunderts begann eine größere Gruppe von Künstlern damit, sich mit der rein abstrakten Malerei auseinanderzusetzen. Gleichzeitig kamen streng abstrakte Stiele wie die analytische Geometrie oder der Konstruktivismus auf. Zu den bedeutendsten Pionieren der abstrakten Kunst gehören Wassily Kandinsky, Frantisek Kupka, Piet Mondrian und Robert Delaunay.

Das erste abstrakte Kunstwerk wird der schwedischen Malerin Hilma af Klint zugeschrieben, ihr Gemälde soll 1906 entstanden sein. Als ein Gemälde, das die Abstraktion in ihrer radikalsten Form umsetzt, gilt das Schwarze Quadrat von Kasimir Malewitsch. Es wurde der Öffentlichkeit 1915 zum ersten Mal präsentiert.   

Anfänglich gab es keine Künstler, die sich ausschließlich der abstrakten Kunst widmeten. Stattdessen arbeiteten die Künstler in verschiedenen Stilen und folgten unterschiedlichen Strömungen. Trotzdem stieß die Idee, gegenstandlos zu malen, auf großen Zuspruch und so hatte sich die abstrakte Kunst schon 1913 zu einem angesagten Trend entwickelt. Dieses rasante Tempo lässt sich aber auch bei der Entstehung von Stilrichtungen beobachten.

So bildeten sich innerhalb kürzester Zeit verschiedene Ausprägungen und Formen der abstrakten Kunst heraus. Heute steht der Begriff Abstrakte Kunst für viele verschiedene Strömungen und Kunststile des 20. Jahrhunderts. Die große Gemeinsamkeit aller dieser Ausprägungen besteht darin, dass sie nicht gegenstandbezogen sind. Aus diesem Grund wird anstelle von abstrakter Kunst auch von gegenstandloser Kunst gesprochen.

Die Stile innerhalb der abstrakten Kunst wiederum lassen sich in zwei große Gruppen einteilen, nämlich einerseits in die expressive und andererseits in die geometrische Abstraktion.

 

Die expressive Abstraktion

Die Grundlage für die expressive Abstraktion bildet das Prinzip des freien Malens. Spontaneität, zufällige Impulse, Gefühle, das bewusste Erleben des Entstehungsprozesses und experimentelle Malweisen sind prägende Merkmale der expressiven Abstraktion. Der Künstler hat zwar schon vorher meist eine ungefähre Idee davon, wie das Bild aussehen soll. Trotzdem verzichtet er auf ein festes Konzept.

Stattdessen nutzt er den Malgrund als seine Aktionsfläche, lässt sich von seinen Emotionen treiben und greift das zufällige Verhalten der Farben auf. Er malt mit dem Pinsel, tropft, gießt, spritzt oder schüttet die Farben auf den Malgrund, manchmal schleudert er sie auch mit diversen Hilfsmitteln wie Lappen, Bürsten oder Schwämmen gegen das Bild.

Der Begriff der expressiven Abstraktion wird in erster Linie für abstrakte Kunststile der Nachkriegszeit in den USA verwendet. In Europa gilt das zeitgleich entstandene Informel als Pendant dazu. Dabei ist auch die informelle Kunst ein Oberbegriff, der Kunstrichtungen wie den Tachismus, die lyrische Abstraktion und andere abstrakte Stile umfasst.

 

Die geometrische Abstraktion

Im Gegensatz zur expressiven Abstraktion ist die geometrische Abstraktion von Vernunft, Perfektion, Präzision und klaren Regeln geprägt. Die geometrische Abstraktion verzichtet konsequent auf gegenständliche Bezüge oder symbolische Abbildungen. Stattdessen beschränkt sie sich auf einfache, geometrische Kunstformen, die präzise ausgeführt werden. Die Linien sind sauber und exakt, die Farbflächen werden ordentlich und einheitlich ausgemalt.

Als Farben kommen die Primärfarben sowie Schwarz, Weiß und Grau in allen Schattierungen zum Einsatz. Die einzelnen Elemente werden stimmig angeordnet und das Bild dadurch in gewisser Hinsicht konstruiert. Aus diesem Grund wird manchmal auch von der geometrisch-konstruktiven Abstraktion gesprochen. Die Idee dahinter ist, die Aufmerksamkeit auf das Zusammenspiel aus Formen und Farben zu lenken, um so die Kunst durch sich selbst und für sich wirken zu lassen.

Innerhalb der geometrischen Abstraktion gibt es verschiedene Ausprägungen. Die bedeutendsten Kunstrichtungen in diesem Zusammenhang sind der Konstruktivismus, die Geometrische Abstraktion und die Analytische Malerei. Beim Konstruktivismus und der Geometrischen Abstraktion stehen schlichte, klare Formen in verschiedenen Farben im Vordergrund. Die Bildwirkung soll sich aus der Komposition aus Farben und Formen ergeben.

Die Analytische Malerei nutzt ebenfalls einfache Grundformen, präzise ausgeführte Linien und sauber eingefärbte Farbflächen. Ihre Absicht besteht jedoch darin, die Malerei zum Bildgegenstand zu machen. Die Malerei soll also nicht das Mittel für die Darstellung eines Bildmotivs sein. Stattdessen sollen der Bildträger und der Farbauftrag die Malerei darstellen. 

 

 

Die Kritik an der abstrakten Kunst

Im Zusammenhang mit der abstrakten Kunst bildeten sich von Anfang an zwei Lager. Das eine Lager nahm die neue, moderne Kunstform begeistert auf und verteidigte den Ansatz, losgelöst vom Gegenständlichen zu malen, leidenschaftlich. Das andere Lager übte deutliche Kritik an der Abkehr vom etablierten Kunstbegriff mit seinen gegenständlichen Darstellungen, teilweise wurde klare Ablehnung geäußert.

Auch das breite Publikum hatte seine Probleme damit, die neuartigen Gemälde als Kunstwerke zu sehen. So wurde argumentiert, dass es weder handwerkliches Können noch künstlerisches Talent erfordere, um abstrakte Bilder zu malen. Angeheizt wurde die Diskussion durch eine Kunstausstellung in London. Dort waren abstrakte Gemälde präsentiert worden, die Kunstexperten als hochrangige Kunstwerke bezeichnet hatten. Später wurde bekanntgegeben, dass der Künstler ein Schimpanse namens Congo war. Folglich wurde die Kunstwürdigkeit abstrakter Arbeiten massiv in Frage gestellt.

Ein zweiter Kritikpunkt spielt sich auf politischer Ebene ab. So wurden zu Zeiten des Kalten Krieges insbesondere in den USA Vertreter der abstrakten Kunst gefördert und unterstützt. Im Ostblock hingegen galt der sozialistische Realismus mit seiner markanten Wirklichkeitsnähe als prägendes Merkmal als künstlerische Richtlinie. Die Kritik bestand nun darin, dass es nach dem Ende des Krieges im zerstörten Europa bei der abstrakten Kunst nicht mehr um die Kunst als solches gegangen sei. Stattdessen sei die abstrakte Kunst zu einem Mittel zweckentfremdet worden, um künstlerische Freiheit und politische Fortschrittlichkeit zu demonstrieren.

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