Abstrakte Ölbilder interpretieren – eine Anleitung

Abstrakte Ölbilder interpretieren – eine Anleitung

Selbst ein gestandener Kunstkritiker tut sich mitunter schwer damit, ein abstraktes Gemälde zu beschreiben. Statt klarer Worte spielen die Deutungen dann gerne auf einer emotionalen oder esoterischen Ebene.

Eine Landschaft, ein Portrait, ein Stillleben oder ein anderes Ölgemälde mit einem figürlichen Bildmotiv lässt sich recht einfach beschreiben und interpretieren. Schließlich ist klar zu erkennen, was der Künstler darstellt.

Und aus der Art der Darstellung, der Anordnung der verschiedenen Bildelemente, den Proportionen, den verwendeten Farben und dem Spiel aus Licht und Schatten lassen sich Rückschlüsse darauf ziehen, was der Künstler ausdrücken wollte und warum er sich folglich für genau diese Malart entschieden hat.

Handelt es sich aber um abstrakte Ölbilder, sieht die Sache schon ganz anders aus. Denn bunte Farbflächen und Linien, die mal streng kontrolliert und mal rein zufällig wirken, lassen sich nur schwer mit Worten beschreiben. Noch schwieriger wird es, die Ideen und Absichten des Künstlers herauszulesen. Folglich werden Vermutungen aufgestellt, die in den malerischen Gesten dann Dinge wie die Emotionen des Künstlers, die menschliche Kraft, Phallussymbole, Kritik an der Gesellschaft, einen Aufbruch zu Neuem oder die Verarbeitung von persönlichen Schicksalsschlägen sehen.

Natürlich kann es sein, dass solche Interpretationen den Ideen des Künstlers nahekommen. Doch spätestens dann, wenn sich herausstellt, dass das Gemälde von einem Tier, etwa einem Affen im Zoo gemalt wurde, erweisen sich die Interpretationen als fraglich. Schließlich wird ein Affe wohl kaum ein abstraktes Werk fertigen, um auf diese Weise Gesellschaftskritik zu üben oder das Leid, das Kriege mit sich bringen, auszudrücken. Also muss es einen anderen Weg geben, um sich abstrakten Ölbildern zu nähern und sie zu verstehen.

 

Abstrakte Ölbilder interpretieren – vier traditionelle Ansätze

Ihre ganz große Blütezeit erlebte die abstrakte Malerei nach dem Zweiten Weltkrieg. Durch die Pop Art und den Abstrakten Expressionismus wurde insbesondere in den USA Kunstgeschichte geschrieben. In der abstrakten Malerei fanden die Künstler einen Raum, der ihnen enorm viel Platz und damit eine optimale Fläche für die Darstellung von nationalen, theoretischen und künstlerischen Aussagen bot. Aus dieser Zeit stammen vier Interpretationsansätze, die auch heute noch bemüht werden:

  1. Der Künstler und sein Umfeld: Dieser Interpretationsansatz stellt die Entstehung des abstrakten Kunstwerks in den Vordergrund. Die Deutung bezieht sich auf den Schaffensprozess, auf die Bedingungen, unter denen der Künstler arbeitet, und auf die Stimmung im Atelier. Es geht um den Künstler als Individuum, um seine ganz eigene Kreativität und um seinen Willen, sich künstlerisch auszudrücken. Dabei kann sich gerade die künstlerische Freiheit aber nur dann richtig entfalten, wenn der Künstler tatsächlich frei und kreativ arbeiten kann. Zeitgeschichtlich ist das auch die Erklärung dafür, warum die abstrakte Malerei ihre Heimat in den freien, demokratischen USA und eben nicht im Europa der Nachkriegszeit fand.
  2. Starke Emotionen: Vertreter dieses Interpretationsansatzes werten die abstrakte Malerei als Ausdruck von großen Gefühlen und unbewussten Emotionen. Jeder Pinselstrich, jeder Farbklecks und jede Farbspur ist ein Ereignis, das für sich steht. Der Künstler wird zum Stellvertreter der Menschheit. Er erlebt mit, was andere Menschen erleben, fühlt mit ihnen, teilt mit ihnen Leid und Freude. Und diese Gefühlswelt bringt er in einer abstrakten Darstellungsform auf die Leinwand.
  3. Universelle Sprache: Bei diesem Interpretationsansatz wird die abstrakte Malerei zu einer Universalsprache erhoben, die über sprachliche, geografische, kulturelle und künstlerische Grenzen hinweg von allen verstanden wird. Gleichzeitig steht das Abstrakte als Sinnbild für Offenheit und Demokratie.
  4. Erhaben sein: In den Erhabenheitstheorien von Philosophen wie Kant oder Burke werden beispielsweise Blitze und stürmische Seen Vertreter dieses Interpretationsansatzes sehen die Theorien durch die abstrakte Malerei verwirklicht. Durch die abstrakte Malerei gelingt es dem Künstler und dem Betrachter, mit der Natur auf Augenhöhe zu sein.

Abstrakte Ölbilder interpretieren – weitere Deutungsansätze

Aus der Nachkriegszeit gibt es noch einen anderen, nicht ganz so oft genutzten Interpretationsansatz. Er geht auf Nelson Rockefeller, einen engagierten Förderer und leidenschaftlichen Sammler von abstrakt-expressionistischen Kunstwerken, zurück. Rockefeller nannte die Kunstrichtung die Malerei des freien Unternehmertums.

Und tatsächlich hängen auch heute noch in Büros großer Unternehmen, in Meetingräumen, in repräsentativen Eingangsbereichen und in chicen Konferenzsälen hauptsächlich moderne, abstrakte Ölbilder. Klassische, figürliche Gemälde hingegen sind nur selten anzutreffen.

Auf der anderen Seite hielt der große Boom rund um die abstrakte Malerei nicht sehr lange an. Spirituell Angehauchte, Unternehmer und Politiker lassen sich zwar von der künstlerischen Freiheit begeistern. Doch das breite Publikum? Ist die junge Künstlergeneration, die sich der abstrakten Malerei verschrieben hatte, verstummt? Oder malen die Künstler deshalb eher figürlich, weil sie befürchten, dass die Betrachter ihre Bilder sonst einfach nicht verstehen? In Ausstellungen mit abstrakten Arbeiten wird auf verschiedenen Wegen versucht, den Besuchern die Werke näherzubringen.

So werden die Exponate mal zusammen mit Erklärungen des Künstlers oder mit Informationen zu seinem Lebenslauf und der Entstehungsgeschichte der Bilder präsentiert. Oder es wird jedem Bild ein Musikstück oder ein literarisches Werk zugeordnet, das der Betrachter über Kopfhörer hört, wenn er vor dem Gemälde steht. Manchmal werden dem Betrachter auch Getränke serviert, die ihn dazu anregen sollen, länger zu verweilen und sich in den Künstler bei der Arbeit hineinzuversetzen. Ob solche Maßnahmen dazu beitragen, ein Bild besser deuten zu können oder ob sie nicht eher vom Bild ablenken, muss jeder für sich selbst ausprobieren und entscheiden.

 

Abstrakte Ölbilder interpretieren – eine Anleitung

Die traditionellen Interpretationstheorien scheinen nicht mehr zeitgemäß und die Verknüpfung der Kunst mit anderen Medien kann zu sehr von den Bildern ablenken. Doch wie können abstrakte Ölbilder sonst interpretiert werden? Vielleicht ist der einfachste Weg der beste.

Und er geht so: Der Betrachter blendet alles aus, was er über die abstrakte Malerei und den jeweiligen Künstler weiß. Anschließend nähert er sich dem abstrakten Bild wie ein kleines Kind. Ein Kleinkind lässt Spielsachen, Blumen, Bäume und andere Gegenstände lebendig werden, indem es sie in seinen Gedanken zu personenähnlichen Lebewesen werden lässt. Der Teddybär kann dann genauso sprechen und Dinge tun wie der große Baum im Garten. Und beide haben ihren eigenen Charakter und ihre Besonderheiten.

Der Betrachter sollte versuchen, diese Denkweise von Kindern zu übernehmen und ein Eigenleben in die abstrakten Formen, bunten Farbflächen und wilden Pinselstriche zu projizieren. Auf diese Weise öffnet sich die Bildwelt und der Betrachter kann hineintreten. Wer das Bild warum wie gemalt hat, muss der Betrachter dann nicht wissen, um es zu verstehen.

Wichtig ist aber, die einzelnen Bildelemente wirklich zu personifizieren und nicht zu versuchen, nur etwas darin zu sehen. Denn Motive, die der Betrachter sehen will, so wie wenn er in den Wolken am Himmel nach bestimmten Figuren sucht, führen ihn von der Welt innerhalb des Bildes weg.

Nachdem der Betrachter in das Bild eingetaucht ist und mitten in der Bildwelt gestanden hat, kann er sich anschauen, wie der Künstler, der Galerist oder ein Kunstkritiker das Bild erklärt. Letztlich sind diese Erklärungen aber dann nur noch eine nette Zusatzinfo.

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