Malen mit Primärfarben und Komplementärfarben, Teil 2

Malen mit Primär- und Komplementärfarben, Teil 2

Für die Ausdruckskraft und die Harmonie einer Malerei ist weniger das Motiv entscheidend. Viel stärker wird die Bildwirkung von den verwendeten Farben bestimmt. Und vor allem die Primär- und die Komplementärfarben spielen dabei eine große Rolle.

Wenn sich der Betrachter ein Ölbild anschaut, nimmt er als erstes die Farben wahr. Das Motiv und die Oberflächenstruktur registriert er erst später. Der Grund hierfür ist ganz einfach der, dass das menschliche Gehirn Farbinformationen schneller erfassen und verarbeiten kann als Formen und Strukturen.

Aber die Farben können Botschaften vermitteln oder bestimmte Gefühle beim Betrachter wecken. So wirken einige Farben beispielsweise warm, freundlich oder fröhlich, während andere Farben kalt, trist oder düster aussehen. Außerdem gibt es Farben, die sich gegenseitig ergänzen und im Zusammenspiel ein harmonisches, stimmiges Gesamtbild ergeben. Im Unterschied dazu scheinen andere Farben überhaupt nicht zusammenzupassen.

Malt der Künstler beispielsweise ein abstraktes Landschaftsbild in Gelb- und Rottönen und exakt das gleiche Bild noch einmal in Blautönen, erzielt er völlig unterschiedliche Wirkungen, obwohl das Motiv identisch ist. Diese Farbwirkung ist aber kein Zufall, sondern schnöde Physik. Doch das bedeutet nicht, dass sich der Künstler mit Physik herumplagen muss. Stattdessen ist er in der Farblehre besser aufgehoben.

In einem zweiteiligen Ratgeber vermitteln wir etwas Grundlagenwissen zum Malen mit Primär- und Komplementärfarben. Dabei haben wir in Teil 1 erklärt, was Primärfarben sind und was es mit den Sekundär- und den Komplementärfarben auf sich hat. Außerdem ging es um den Farbkreis nach Itten.

Jetzt, in Teil 2, zeigen wir, wie der Künstler sein Wissen um die Wirkung von Farben ganz gezielt einsetzen kann:

 

Einen Farbkreis für die Farbenzusammenstellung nutzen

Möchte der Künstler ermitteln, welche Farben zusammenpassen und ein harmonisches Gesamtbild ergeben, kann er einen Farbkreis als Hilfsmittel nutzen. Optimal ist dabei der Farbkreis nach Itten. Dieser Farbkreis besteht aus zwölf Farbfeldern und enthält die Primär-, die Sekundär- und die Tertiärfarben. Die beiden Farben, die komplementär sind, sich also gegenseitig ergänzen, liegen sich jeweils genau gegenüber.

Den Farbkreis kann der Künstler einmal am Computer anlegen, speichern und ausdrucken. Oder malt den Farbkreis von Hand.

Anschließend geht er wie folgt vor:

  • Zuerst wählt der Künstler im Farbkreis die Farbe aus, die auf jeden Fall in seinem Ölbild vorkommen soll.
  • Von dieser Wunschfarbe ausgehend, zeichnet er anschließend ein gleichschenkliges Dreieck in den Farbkreis. Ob er das Dreieck tatsächlich zeichnet oder die Linien nur in Gedanken zieht, bleibt dem Künstler selbst überlassen. Jedenfalls bildet die Wunschfarbe die spitze Ecke des Dreiecks und von hier gehen die beiden gleichlangen Schenkel des Dreiecks aus.
  • Die drei Farben, die durch das Dreieck miteinander verbunden sind, führen zu einer harmonischen und ausdrucksstarken Farbkombination.

[Farben 1]

Ein Beispiel: Angenommen, der Künstler möchte die Farbe Gelb als prägnanten Farbton in seinem Bild haben. Dann zeichnet er vom gelben Farbfeld aus ein gleichschenkliges Dreieck in seinen Farbkreis. Dieses Dreieck führt ihn zu den Tertiärfarben Pink und Violett. Diese beiden Farben flankieren Lila, die Komplementärfarbe zu Gelb.

Möchte der Künstler eine Komposition aus vier Farben zusammenstellen, kann er das Dreieck auch durch ein Rechteck ersetzen. Auch beim Rechteck beginnt der Künstler mit seiner Wunschfarbe. Sie bildet eine Ecke des Rechtecks und wird um drei weitere Farben ergänzt.

[Farben 2]

 

Die Wirkung der Farben

Die Komplementärfarben entfalten ihre Wirkung durch Harmonie und Ausgleich. Die Farben passen nicht nur gut zusammen, sondern ergänzen sich und bringen sich gegenseitig zum Leuchten. Viele Farbtöne sehen schön aus, wenn sie aufeinandertreffen.

Die beiden Farben, die komplementär zueinander sind, holen aber jeweils das Optimum aus ihrem Gegenüber heraus. In diesem Zusammenhang wird auch vom Simultankontrast gesprochen. Damit ist gemeint, dass die besondere, ausdrucksstarke Wirkung dann auftritt, wenn zwei Komplementärfarben zusammenkommen. Gleichzeitig ergibt sich eine Harmonie, die stimmig wirkt und Ruhe ausstrahlt.

Das Gegenstück sind Farben, die irgendwie nicht so richtig zusammenzupassen scheinen. Im Sprachgebrauch ist oft davon die Rede, dass sich diese Farben beißen. Diese Wirkung entsteht, wenn die Farben im Farbkreis zu eng oder zu weit voneinander entfernt liegen und der Kontrast dadurch zu schwach oder zu stark ist.

Der Künstler muss diese Disharmonie aber nicht zwangsläufig vermeiden. Ganz im Gegenteil kann er sie gezielt einsetzen, um eine spannende und unruhige Wirkung zu erreichen.

Die Farbtöne Schwarz, Weiß und Grau gelten als neutrale Töne. Sie haben keine Komplementärfarben und auch keine Farben, mit denen sie sich beißen. Folglich können die neutralen Töne mit praktisch allen anderen Farben kombiniert werden. Werden sie den Primär- und den Sekundärfarben beigemischt, verändern sie deren Helligkeit und Reinheit. Durch Schwarz werden die Farben dunkler und durch Weiß heller, während Grau beeinflusst, wie sauber und klar eine Farbe wirkt.

 

Komplementärfarben einsetzen

Je nachdem, welchen Effekt der Künstler erzielen will, kann er mit den Komplementärfarben spielen und sie in unterschiedlichen Varianten einsetzen:

  • Eine sehr ausgewogene und ruhige Harmonie erreicht der Künstler, wenn er mit dem oben beschriebenen Dreieck die beiden Nachbarn der Komplementärfarbe zu seiner Wunschfarbe ermittelt. Für das Auge wirkt die Kombination aus diesen drei Farben in Sachen Helligkeit, Kontrast und Tiefe optimal abgestimmt. Der Künstler kann diese Harmonie nutzen, um eine bestimmte Bildaussage zu vermitteln oder umgekehrt auf diese Weise eine andere Stimmung gezielt zu verhindern.
  • Legt der Künstler zwei Komplementärfarben nicht neben-, sondern übereinander, gleichen sie sich gegenseitig aus. Sie neutralisieren sich und der untere Farbton wird nahezu unsichtbar. Legt der Künstler beispielsweise eine grüne Farbfläche über eine rote Farbfläche, verschwindet die rote Farbfläche optisch fast.
  • Legt der Künstler zwei Komplementärfarben direkt nebeneinander, erzielt er den gegenteiligen Effekt. Die beiden Farben verstärken sich gegenseitig und leuchten harmonisch um die Wette.

Aber was ist eigentlich mit Farben, die nicht im Farbkreis vorkommen? Braun etwa wäre so eine Farbe. Bei solchen Farben muss sich der Künstler ins Gedächtnis rufen, dass es sich um Mischfarben handelt. Also gilt zu überlegen, aus welchen Tönen die Farbe besteht. Braun beispielsweise ist eine Mischung aus Grün und Rot.

Im Farbkreis liegt der Braunton somit irgendwo zwischen diesen beiden Farbfeldern. Und auch wenn es Braun in vielen Nuancen gibt, kommt es einem mehr oder weniger abgedunkelten Orange am nächsten. Die Komplementärfarbe von Orange wiederum ist Blau. Damit wird ein Braunton von einem entsprechend abgestuften Blauton ergänzt.

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